Neptunation

Rezension:
»Neptunation« von Dietmar Dath
Veröffentlichung: Fischer TOR 2019

von Jürgen Gäb

Zunächst einmal: Es ist ein laaanger Roman mit 685 Seiten. Und lang wird’s einem auch beim Lesen – leider.

Zur Story:
Worum es in dem Roman geht, das entnimmt man ja schon dem Klappentext. Vor Jahrzehnten haben sich Raumfahrer aus Nationen, die es nicht mehr gibt – DDR und UDSSR -, mit Ideologien, die den Lauf der Zeit so auch nicht überlebt haben – Sozialusmus und Kommunismus -, auf eine Reise ins All gemacht. Und dies wird im Jahre um 2017 (und einige Jahre darüber hinaus) anscheinend zu einem Bummerrang-Effekt: Denn die Raumpioniere sind nicht etwa umgekommen in den Tiefen des Alls, nein, sie haben sich weit draußen im Sonnensystem zu gleich mehrerentechnisch hochentwickelten Nationonen gemauser. Und die bedrohen nun die seit den Zeiten des kalten Krieges doch so friedlich weiterentwickelte »freie Welt«, genannt Erde. Aha, denkt man. Das ist jetz’ aber nicht so ein Trash wie das mit den bösen, bösen Nazis von einer Gemeimbasis auf der Rückseite des Mondes, also Iron Sky auf kommunistisch?
Weit gefehlt, es stellt sich als eine sehr komplexe Geschichte raus, durchsetzt von Täuschung, Manipulation, mit einigen Plot-Twists usw.
Eine erlese Crew, bestehend hauptsächlich aus Deutschen und Chinesen, aber auch einigen Russen, Amerianern (und vielleicht auch anderen Nationalitäten, die aber keine Erwähnung finden) macht sich hinterher auf eine neue, weite Weltraumreise ins Unbekannte, um da mal nachzusehen.

Klingt nach Space Opera, Weltraumschlachten, Faszination des technisch Machbaren, Krieg und Heldenmut? Vielleicht.

Zur Narration:
Was extrem stört, ist die Weitschweifigkeit der Erzählweise und dass es ermüdet mehr und mehr, den roten Faden nicht zu verlieren.  Gleich im ersten Romanteil wird dem Leser/der Leserin zugemutet, über 170 Seiten lang in einem chaotischen Sprung zwischen den Jahrzehnten die ganz verschiedenen Charaktere kennen zu lernen, die sich dann irgendwann nach 2017 (so genau erfährt man das nicht) zusammengewürfelt auf der Weltraummission begegnen werden. Es stellt sich dann aber auch heraus, dass man dieses fragmentarische, episodenhafte Vorwissen über die verschiedenen Figuren überhaupt nicht gebraucht hätte, weil es praktisch gar keine Relevanz für die Gesamtgeschichte hat. Die Persönlichkeit arbeitet sich, wenn überhaupt, eh erst an Bord richtig heraus und es ist wirklich ein Ärgernis, so lange mit unwichtigem, unzusammenhängendem Zeug gequält zu werden, bis es dann mal endlich los geht.
Tja und dann nimmt die Geschichte leider auch nie richtig Fahrt auf, weil der Autor es für unglaublich spannend zu halten scheint, trotz aukorialer Erzählweise die Leserschaft über ganz wesentliche Dinge wiederholt über hunderte Seiten lang in Unwissenheit zu lassen. Vieles, sehr vieles ergibt lange keinen Sinn oder ist einfach zu unverstandlich, bis man endlich, endlich über das ein oder andere aufgeklärt wird – sofern man sich so weit geduldet und den Roman nicht genervt zur Seite gelegt hat.
Und das Erzählschema wiederholt sich dabei auch noch immer auf die gleiche, ermüdend einfallslose Weise: Endlos lange liest man Beschreibungen von Ereignissen und Handlungen (oft auch an verschiedenen Orten), die aufgrund gezielter Informationsdefizite nicht zu kapieren sind, jedenfalls nicht so richtig. Dann führen zwei Figuren im Roman ein längeres Gespräch und dadurch kapiert man endlich was, das vor ca. 150 Seiten auftauchte – aber die Ereignisse auf den letzten 50 Seiten kapiert man immer noch noch nicht, da muss man ja noch weitere hundert Seiten warten! (Oder auch bis zum Ende des Romans, und dann denkt man: Echt jetz’? Das soll die Auflösung sein?)
Was einen dann richig ärgert, ist ist ein literaisches No-Go, was man als Chekhov’s gun bezeichnet: Manches kriegt man nämlich gar nicht erklärt, wie etwa den räselhaften Text, den die Figur Christian entschlüsseln soll – wieso, so fragt man sich, ist der Quatsch überhaupt drin in dem Roman?

Zum Stil:
Dietmar Dath mutet seinen Leserinnen und Lesern ganz schön viel zu. Nicht nur, dass man einen langen, langen Atem und Geduld braucht, um alle so unnötig weit verteilen Informationsschnipsel zusammenzubringen. Er hat zweifellos einen Heidenspaß daran, seine Leserschaft mit endlos, langen, vor Fachsprache oft geradezu boulimisch überladenen Sätzen vollzuquatschen. Hier noch ein Einschub, da noch ein Nebensatz, hier nochmal zwei Seiten, die den Plot ü-ber-haupt-nicht weiterbringen … Es kostet Kraft, nicht mehr und mehr genervt zu sein davon.
All das ist sehr schade, denn eigentlich kann er das, merkt man auch: Seine Schreibe ist sehr smart und gut recherchiert. Und in den wenigen Abschnitten, wo’s auch mal (endlich!) action gibt, also Gefechte, sei es im Weltraum oder zu Land, da ist der Text auch sehr spannend. Er könnte seine Leserschaft sehr gut unterhalten, aber offenbar will er nicht. Offenbar legt er mehr Wert auf prodesse statt auf delectare: Denn er hat recht geschickt unglaublich viel reingepackt in die Dialoge seiner Figuren (auch so was kann er wirklich gut schreiben, lebendige Gespräche). Man lernt nebenbei was über Geschichte, Musik und Film, über kulturelle Unteschiede, Natur- und Sprachwissenschaft, Mathematik usw usf.
Ach ja, was man auf jeden Fall können muss, ist Englisch, denn Dietmar Dath lässt seine Figuren andauernd willkürlich zwischen Deutsch und Englisch wechseln beim Reden, und das auch beim Gebrauch von Fachsprache. Ist halt sehr intellektuell, der Roman. Jaja.

Fazit:
Als SF-Roman ist das Werk, reduziert man es auf seine Idee, die Auflösung am Ende und wie das Ganze erzählt wurde, leider sehr schwach. Die Story an sich hätte man in einer Novelle von ca. 20 Seiten sehr gut und auch spannend erzählen können. (Wenn er hier schon so ein deutsch-chinesisches Figurenensemble aufstellt und auch mit Kenntnis asiatischer Literatur klugsch***t, dann hätte er sich auch mal an Liu Cixin ein Vorbild nehmen können.) Was Dietmar Darth da alles reingepackt hat, ist oft so weitschweifig und Irrelevant für die Geschichte, dass es einem die Lust am Lesen verdirbt, denn dafür mangelt es seinem Stil auch an Eleganz und Witz.

Bildquelle: https://www.fischerverlage.de/media/fs/15/u1_978-3-596-70223-7.jpg

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